Policenmodell

Bei dem im Zeitraum vom 29.07.1994 bis zum 31.12.2007 praktizierten Policenmodell erhielt der Versicherungsnehmer, der gegenüber dem Versicherer einen Antrag auf Abschluss einer Lebens- oder Rentenversicherung gestellt hatte, die Vertragsunterlagen erst bei Antragsannahme durch den Versicherer, also zusammen mit dem Versicherungsschein ausgehändigt. Um dem Versicherungsnehmer die Entscheidung zu belassen, ob er mit dem Vertragsinhalt einverstanden ist, räumte § 5a VVG a. F. ihm zunächst ein 14-tägiges, ab dem 08.12.2004 ein 30-tägiges Widerspruchsrecht ein. Voraussetzung für die Ingangsetzung dieser Frist war, dass dem Versicherungsnehmer die Vertragsunterlagen (Versicherungsschein, Versicherungsbedingungen und Verbraucherinformationen) vollständig vorlagen und er in drucktechnisch deutlicher Form über sein Widerspruchsrecht belehrt wurde. Andernfalls bestand das Widerspruchsrecht fort. Ein (formularmäßiger) Verzicht auf das Widerspruchsrecht dürfte nach § 15a VVG a. F., wonach § 5a VVG a. F. halbzwingend ist, so dass nicht zum Nachteil des VN abgewichen werden kann, nicht zulässig gewesen sein.

Schwebende Unwirksamkeit

Nach herrschender Meinung sind Verträge, die im Policenmodell geschlossen werden sollten, bis zum Ablauf der Widerspruchsfrist schwebend unwirksam.

Hinweis:

Vgl. OLG Frankfurt a. M. VersR 2005, 631; OLG Düsseldorf VersR 2001, 837; Prölss/Martin/Prölss, 27. Aufl. 2004, § 5a Rn. 10; Langheid/Wandt/Looschelders, 2. Aufl. 2016, VVG § 1 Rdnr. 135.

Intertemporales

Art. 16 §§ 2, 11 des Dritten Gesetzes zur Durchführung versicherungsrechtlicher Richtlinien des Rates der Europäischen Gemeinschaften vom 21.07.1994 sah eine Übergangsfrist bis zum 31.12.1994 vor. Zwischen dem 29.07.1994 und dem 31.12.1994 konnten Versicherer allgemeine Versicherungsbedingungen zugrunde legen, die vor dem 29.07.1994 von der zuständigen Aufsichtsbehörde genehmigt worden waren (sog. regulierte Bedingungen).

Unionsrechtskonformität?

Ob das Policenmodell unionsrechtskonform ist, insbesondere im Einklang mit der Zweite Richtlinie 90/619/EWG des Rates v. 8.11.1990 zur Koordinierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften für die Direktversicherung (Lebensversicherung) und zur Erleichterung der tatsächlichen Ausübung des freien Dienstleistungsverkehrs sowie zur Änderung der Richtlinie 79/267/EWG; Richtlinie 92/96/EWG des Rates v. 10.11.1992 zur Koordinierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften für die Direktversicherung (Lebensversicherung) sowie zur Änderung der Richtlinien 79/267/EWG und 90/619/EWG (Dritte Richtlinie Lebensversicherung) steht, wird uneinheitlich beurteilt.

Überwiegende deutsche Judikatur

Im Anwendungsbereich von § 5a VVG a. F. vertritt die überwiegende Rechtsprechung in der Bundesrepublik Deutschland die Auffassung, dass diese Norm nicht gegen europäisches Recht verstößt.

Hinweis:

OLG Köln, Urt. v. 02.03.2012 - 20 U 178/11; OLG Celle, Urt. v. 09.02.2012 - 8 U 191/11; OLG Hamm, Beschl. v. 31.08.2011 - 20 U 81/11; OLG Stuttgart, Urt. v. 23.12.2010 - 7 U 187/10 - RuS 2011, 218; OLG Frankfurt/M., Urt. v. 10.12.2003 - 7 U 15/03 - VersR 2005, 631; OLG Düsseldorf, Urt. v. 05.12.2000 - 4 U 32/00 - VersR 2001, 837; OLG Stuttgart, Urt. v. 11.08.2011 - 7 U 73/11 -; LG München I, Urt. v. 18.01.2012 - 30 S 22642/10 – ARAG; LG München I, Urt. v. 16.06.2011 - 31 S 21632/10 -; LG Hannover, Urt. v. 23.09.2011 - 2 S 4/09 -.

Zur Begründung wird darauf abgestellt, dass sich § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG als Ausnahmevorschrift darstelle, die gerade auch denjenigen Versicherungsnehmer schütze, dem die notwendigen Verbraucherinformationen nicht oder nicht beweisbar übergeben wurden. Habe er mit der Prämienzahlung begonnen und dementsprechend auf das Bestehen vertraglichen Versicherungsschutzes vertraut, so bedürfe er mangels erkennbaren Informationsinteresses jedenfalls nach Ablauf eines Jahres nach Zahlung der ersten Prämie nicht mehr des von den Richtlinien intendierten Schutzes seines Informationsinteresses, wohl aber des Schutzes seines Vertrauens in das Bestehen von Versicherungsschutz.

Nachdem der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/13 -, wenn auch in einem obiter dictum, die Ansicht geäußert hat, das Policenmodell sei unionsrechtskonform,

Hinweis:

BGH, Urt. v. 16.07.2014 – IV ZR 73/13 -.

vertreten die meisten Gerichte (weiterhin) die Ansicht, das Policenmodell sei unionsrechtskonform.

Hinweis:

OLG Köln, Urt. v. 02.05.2014 - 20 U 24/12 - AachenMünchener; OLG Köln, Protokoll vom 12.06.2015 – 20 U 53/15 -; OLG Köln, Urt. v. 21.03.2014 - 20 U 176/13 -; OLG Brandenburg, Urt. v. 14.01.2015 - 11 U 112/13 – Nürnberger; OLG Brandenburg, Urt. v. 04.03.2015 - 11 U 119/13 – Continentale; OLG Frankfurt, Urt. v. 04.06.2014 - 7 U 37/13 -; OLG Frankfurt, Urt. v. 11.02.2015 - 7 U 49/14 - R + V; OLG München, Urt. v. 27.06.2014 - 25 U 1044/14 – Zurich Dt. Herold (vom BGH bestätigt: BGH, Beschl. v. 17.08.2015 und vom 12.10.2015 – IV ZR 293/14 – Zurich Dt. Herold); OLG München, Urt. v. 08.05.2014 - 14 U 5100/13 -; OLG München, Urt. v. 11.07.2014 - 25 U 658/14 -; OLG München, Beschl. v. 01.06.2015 - 25 U 3379/14 -, BeckRS 2015, 10718 mit Anm. Günther FD-VersR 2015, 370147; OLG Stuttgart, Urt. v. 14.11.2013 - 7 U 198/13 -; OLG Stuttgart, Urt. v. 10.04.2014 - 7 U 199/13 -; OLG Braunschweig, Urt. v. 28.02.2014 – 3 U 72/13 – ERGO; LG Bonn, Urt. v. 06.03.2015 – 9 O 356/14 -; LG Köln, Urt. v. 25.06.2014 - 26 S 37/13 -; LG Leipzig, Urt. v. 01.04.2015 - 03 S 102/14 – Nürnberger; LG Stuttgart, Urt. v. 10.04.2014 - 5 S 262/13 -; LG Stuttgart, Urt. v. 27.03.2014 - 5 S 216/13 -; LG Stuttgart, Urt. v. 20.11.2013 - 13 S 100/13 -; LG Lübeck, Urt. v. 01.11.2013 - 1 S 59/13 -; LG Kleve, Urt. v. 20.02.2014 - 6 S 100/13 -; LG Hamburg, Urt. v. 09.10.2014 - 314 S 8/12 -; LG Halle, Urt. v. 14.01.2015 - 2 S 138/14 – Allianz; LG Dresden, Urt. v. 16.04.2014 - 8 O 1265/13 -; LG Bielefeld, Urt. v. 15.04.2015 - 21 S 26/13 – Generali; LG Berlin, Urt. v. 29.01.2014 - 23 S 31/13 – HDI (Gerling); LG Berlin, Urt. v. 24.09.2014 - 24 S 18/12 -.

Das Oberlandesgericht Frankfurt, das im Übrigen von einer Europarechtskonformität des Policenmodells ausgeht, verweist zutreffend darauf, dass die o. g. BGH-Entscheidung vom 16.07.2014 – IV ZR 73/13 – die Frage nach der Vereinbarkeit des Policenmodells mit sekundärem Gemeinschaftsrecht nicht abschließend geklärt, sondern lediglich in einem obiter dictum behandelt habe.

Hinweis:

OLG Frankfurt, Urt. v. 11.02.2015 - 7 U 49/14 - R + V.

Abweichende deutsche Judikatur

Nach einer Rechtsprechungsmeinung verletzt das Policenmodell sekundäres Gemeinschaftsrecht, so dass sämtlichen Verträgen ohne Rücksicht auf die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Widerspruchsbelehrung und ohne Rücksicht auf die Vollständigkeit und Richtigkeit der überlassenen Verbraucherinformationen und ohne Rücksicht auf die 14- bzw. 30-Tagesfrist und ohne Rücksicht auf die Jahresfrist widersprochen werden kann.

Hinweis:

AG Mainz, Urt. v. 16.09.2015 – 79 C 505/14 – ERGO; LG Erfurt, Beschl. v. 30.12.2021 - 8 O 1519/20 - Allianz Lebensversicherung.

Schrifttum

Eine gewichtige Literaturmeinung nimmt ebenfalls die Unionsrechtswidrigkeit des Policenmodells an.

Hinweis:

Berg, VuR 1999, S. 335, 341 f.; Dörner, in: Brömmelmeyer/Heiss/Meyer/Rückle/Schwintowski/Wallrabenstein, Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, Private Krankenversicherung und Gesundheitsreform, Schwachstellen der VVG-Reform, 2009, S. 137, 145 f.; Dörner/Staudinger, WM 2006, S. 1710, 1712; Ebers, in: Micklitz, Verbraucherrecht in Deutschland - Stand und Perspektiven, 2005, S. 253, 260 ff.; ders., in: Schwintowski/Brömmelmeyer, Praxiskommentar zum Versicherungsvertragsrecht, 1. Aufl. 2008, § 8 Rn. 9 f. [bezogen auf § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F.]; Lenzing, in: Basedow/Fock, Europäisches Versicherungsvertragsrecht, Band I, 2002, S. 139, 164 f.; Micklitz/Ebers, in: Basedow/Meyer/Rückle/Schwintowski, Verbraucherschutz durch und im Internet bei Abschluss von privaten Versicherungsverträgen - Altersvorsorgeverträge - VVG-Reform, 2003, S. 43, 82 f.; Osing, Informationspflichten des Versicherers und Abschluss des Versicherungsvertrages, 1996, S. 92 f.; Rehberg, Der Versicherungsabschluss als Informationsproblem, 2003, S. 109 ff., 116 f.; Schwintowski, VuR 1996, S. 223, 238 f.

Folgende Argumente werden hierfür angeführt: Die Europäische Kommission hat in ihrer Stellungnahme vom 12. Oktober 2006 in dem von ihr im Jahr 2005 gegen die Bundesrepublik Deutschland eingeleiteten Vertragsverletzungsverfahren (Nr. 2005/5046) darauf hingewiesen, dass der Versicherungsnehmer nach der deutschen Regelung bereits eine Auswahlentscheidung für eine Versicherung treffen müsse, bevor ihm die notwendigen Informationen erteilt würden. Nach Erteilung der Information müsse er sodann durch fristgemäßes Erheben eines Widerspruchs aktiv werden, um eine Bindung an den Vertrag zu verhindern. Es spreche einiges dafür, dass dies die Zielsetzung der Richtlinie, den Versicherungsbinnenmarkt zu stärken, vereitle. Der Verbraucher solle nämlich gerade deshalb umfassend informiert werden, damit er die Vielfalt der Angebote im Binnenmarkt und den verstärkten Wettbewerb der Versicherer untereinander besser nutzen und einen seinen Bedürfnissen am ehesten entsprechenden Vertrag auswählen könne (siehe die Erwägungsgründe Nr. 20 und 23 der Richtlinie 92/96/EWG bzw. die Erwägungsgründe Nr. 46 und 52 der Richtlinie 2002/83/EG; vgl. dazu weiter und ebenso die Generalanwältin Sharpston bei Rn. 59 ihrer Schlussanträge vom 11. Juli 2013 in der Rechtssache C-209/12 – Endress).

Selbst die Gesetzesbegründung zu der am 1. Januar 2008 in Kraft getretenen Reform des Versicherungsvertragsgesetzes bezeichnet die Vereinbarkeit des - abzuschaffenden - "Policenmodells" aufgrund der unionsrechtlichen Vorgaben als "nicht zweifelsfrei" (vgl. BT-Drucks 16/3945, S. 60).

Das BVerfG verhält sich in zwei Entscheidungen zur Frage, wann ein Berufungsgericht ein Vorabentscheidungsverfahren (Art. 267 AEUV) vor dem EuGH anstrengen muss, ohne gegen das Prinzip des gesetzlichen Richters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) zu verstoßen. Gegenstand der jeweiligen Ausgangsverfahren war jeweils das zwischen 1994 und 2007 praktizierte „Policenmodell“, also die Frage, ob das Zustandekommen eines Versicherungsvertrags im Verfahren nach § 5a Abs. 1 VVG a. F. richtlinienkonform ist: Die letztinstanzlichen Gerichte hatten diese Frage jeweils nicht dem EuGH vorgelegt. In der ersten Entscheidung vom 04.11.2014 – einem Parallelbeschluss zu BVerfG, Beschl. v. 03.03.2014 - 1 BvR 2534/10 – sah das BVerfG mangels tragfähiger Begründung der Nichtvorlage einen Verstoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG; in der zweiten vom 02.02.2015 genügte ihm indes die Begründung, die Frage der Richtlinienwidrigkeit sei nicht entscheidungserheblich. Das dortige Gericht hatte entsprechend der Ansicht des BGH (BGH, Urt. v. 16.07.2014 - IV ZR 73/13 – BGHZ 202, 102 Rn. 16) einen Verstoß gegen § 242 BGB darin erblickt, dass ein ordnungsgemäß belehrter Versicherungsnehmer sich nach Jahren der Vertragsdurchführung vom Vertrag lösen wollte. In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass das BVerfG den BGH "recht scharf" kritisiert habe. So sei die Auffassung des BGH, das «Policenmodell» sei eindeutig richtlinienkonform, «objektiv unvertretbar und willkürlich, mit der Folge, dass er durch die unterlassene Vorlage zur Unionsrechtskonformität des Policenmodells zum Gerichtshof der Europäischen Union gegen das Recht des Beschwerdeführers auf den gesetzlichen Richter aus Arzt 101 Abs. 1 S. 2 GG verstoßen hat».

Hinweis:

Anm. zu OLG München, Beschl. v. 01.06.2015 - 25 U 3379/14 -Günther FD-VersR 2015, 370147.

Es bleibt abzuwarten, wie der Europäische Gerichtshof diese Frage beantworten wird.

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